Nein sagen lernen. Warum ein ehrliches Nein dir deine Freiheit zurückgibt
Obwohl es schon ein Weilchen zurückliegt, habe ich dieses Bild immer wieder vor mir.
Es sollte damals ein ganz entspannter Shoppingvormittag werden. Ich wollte eine neue,
schlichte Jeans kaufen. Ein unkompliziertes Vorhaben, so dachte ich zumindest.
Nach zwei erfolglosen Geschäften stand ich in einer kleinen Boutique. Es wirkte alles ein
bisschen italienisch, so auch die Verkäuferin, die mit einem herzlichen Lächeln
herbeiwirbelte. Sie begutachtete mich mit fachmännischem Blick und sagte voller Freude:
„Ich habe genau das Passende für Sie!“ Wenig später drückte sie mir einen Stapel Kleidung
in die Hand. Jeans? Fehlanzeige. Stattdessen ein neongrünes Sommerkleid mit üppigen Rüschen
und einem Rückenausschnitt, der gefühlt knapp über dem Steißbein endete.
„Das wird Ihre neue Lieblingsfarbe, vertrauen Sie mir!“, sagte sie mit leuchtenden Augen.
Beim Anblick des Kleides hatte ich nur einen Gedanken. Ich sehe darin aus wie ein verirrter
Textmarker. Ich wollte das Kleid am liebsten direkt wieder auf den Bügel hängen. Doch in
genau diesem Moment betrat das brave Mädchen die Bildfläche. Sie übernahm das Kommando in
meinem Gehirn, lächelte gequält und marschierte brav in die Umkleidekabine.
Als ich den Vorhang öffnete, applaudierte die Verkäuferin regelrecht: „Ein Traum! Wie für
Sie gemacht!“
Mein Verstand schrie. Sag einfach, dass es dir nicht gefällt! Doch das brave Mädchen in
mir erlitt beim Gedanken an ein ehrliches Nein sofort Schnappatmung. Die Verkäuferin hat
sich so viel Mühe gegeben. Sie war so nett. Vielleicht hat sie ja recht und das Kleid passt
mir eh gut. Wenn ich das jetzt nicht kaufe, enttäusche ich sie bestimmt.
Zwei Stunden später saß ich im Kaffeehaus, neben mir ein schönes Papiersackerl mit goldener
Aufschrift. Und der Inhalt? Ein neongrünes Rüschenkleid, das mir überhaupt nicht gefiel, mein
Bankkonto bluten ließ und dessen einziger Zweck in Zukunft darin bestehen würde, Platz im
Kleiderkasten wegzunehmen.
Zuhause betrachte ich das Textmarker-Kleid und mir wird schlagartig etwas klar. Dieser
Fehlkauf war kein Versehen, sondern das Resultat einer völlig ungeschützten Grenze.
Ich habe Geld ausgegeben, um das Wohlbefinden einer fremden Person über mein eigenes
zu stellen.
Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen. Das Muster der Anpassung.
Dieses Muster läuft bei uns Frauen oft auf Dauerschleife. Wir schlucken die Kritik
beim Friseur hinunter, wir nicken beim Elternabend für das nächste Großprojekt, wir
sagen wie selbstverständlich Ja zu Überstunden oder zum Besuch, der sich ohne Einladung
ankündigt, und wir kaufen Kleider, die wir nicht wollen. Wir haben gelernt, dass
Harmonie das höchste Gut ist. Ein Nein fühlt sich für uns oft an wie ein persönlicher
Angriff auf unser Gegenüber, weshalb wir das schlechte Gewissen fürchten wie die Pest.
Als psychologische Beraterin und Coachin sehe ich diese Dynamik fast täglich. Hinter dieser
Sehnsucht nach Harmonie stecken meist tief sitzende Rollenbilder aus früherer Zeit. Wenn wir
diese inneren Grenzen jahrelang übergehen, schickt uns der Körper irgendwann deutliche Signale,
sei es durch dauerhafte Müdigkeit, eine innere Anspannung oder Nackenschmerzen. Das sind stumme
Proteste einer überlasteten Seele.
Meistens steckt also eine ganz persönliche Geschichte hinter diesem Verhalten. Mehr darüber
kannst du auch in meinem Blogbeitrag über
Selbstzweifel
lesen.
Nein sagen lernen ohne schlechtes Gewissen
Wir vergessen oft eine wesentliche Sache, denn die Verkäuferin hat einfach ihren Job
gemacht. Die Kollegin hat einfach gefragt. Die Grenzen setzen wir selbst. Ein ehrliches,
freundliches „Vielen Dank für die Mühe, das Kleid ist wunderschön, für jemanden, der es mag,
meinem Stil entspricht es nicht“ verletzt niemanden. Es schützt lediglich uns selbst davor,
uns ständig zu verbiegen.
Das neongrüne Kleid hängt mittlerweile ganz hinten im Schrank als Mahnmal. Letzte Woche war
ich nach Jahren wieder in der Boutique. Die Verkäuferin brachte mir voller Elan eine
senfgelbe Marlenehose. Das brave Mädchen in meinem Kopf blieb dabei ganz entspannt.
Diesmal habe ich tief durchgeatmet, der Verkäuferin in die Augen geschaut und gelächelt:
„Vielen Dank für die Auswahl, das bin ich einfach nicht.“
Die Verkäuferin zuckte kurz mit den Schultern, lächelte zurück und holte eine andere Hose.
Die Welt ist nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil. Ich bin mit leeren Händen und einem
wunderbar leichten Gefühl von Freiheit nach Hause gegangen.
In diesem Sinne darf das brave Mädchen ruhig mal in der Umkleidekabine sitzen bleiben.
Ein ehrliches Nein spart eine menge Platz im Schrank und jede Menge Energie im Leben.
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schlechtes Gewissen offen auszusprechen, melde dich gerne bei mir. Ich begleite Frauen
genau dabei, zu sich selbst zu stehen und trotzdem in Harmonie zu leben. Vielleicht
entsteht echte Harmonie ja genau dadurch.
In Liebe,
Eveline
Einladung
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