Perfektionismus ablegen: Warum ein fehlerfreies Leben dich erschöpft
Warum ein fehlerfreies Leben dich erschöpft
Letzte Woche war ich bei einer Freundin in einer dieser Vorstadtsiedlungen bei Graz. Du kennst vielleicht diese Gassen. Alles ist so sauber, dass man sich fast schämt, mit einem schmutzigen Auto durchzufahren. Die Vorgärten sahen aus, als hätten sich die Nachbarn nachts gegenseitig mit der Nagelschere zum Duell getroffen. Es wirkte, als wäre jeder Grashalm exakt 3,2 Zentimeter hoch. Die Metallzäune glänzten um die Wette und ich fragte mich kurz, ob hier echte Menschen wohnen oder ob die Siedlung nur eine Kulisse für einen Werbefilm über Beruhigungsmittel ist. Es war fast kitschig und irgendwie zum Gähnen langweilig. Auf der Heimfahrt durch mein Dorf, wo die Wiesen noch nach Wiese aussehen und die Häuser nicht alle denselben „Ich-habe-mein-Leben-im-Griff“-Anstrich haben, wurde mir wieder klar, dass Perfektion der Tod jeder Lebendigkeit ist. Und trotzdem versuchen wir Frauen so oft, eine menschliche Version dieser Vorstadtgasse zu sein.
Wenn der Druck im Alltag zu groß wird: Glänzen bis zur Erschöpfung
Wir verbringen unfassbar viel Lebenszeit damit, unsere Fassade zu polieren. Die Küche muss glänzen, bevor wir das Haus verlassen. Im Garten sind die Blumen farblich so abgestimmt, als hätte ein Innenarchitekt die Natur zwangsbeglückt. Ohne frisch gewaschene Haare und das passende Outfit trauen wir uns nicht einmal schnell zum Bäcker, weil uns ja jemand sehen könnte. Und wenn jetzt die ersten Sonnenstrahlen kommen, bricht die Panik aus, weil die „Bikinifigur“ noch nicht passt. Oft steckt eine unbewusste Angst dahinter, dass jemand bemerkt, dass auch wir nur mit Wasser kochen. Wir wollen unsere ungemähten Momente nicht zeigen, aus Sorge, sie könnten unser gesamtes Image ruinieren.
Perfektionismus entsteht oft aus innerem oder äußerem Druck. Mehr darüber findest du auch in meinem Beitrag über inneren und äußeren Druck.
Die Folgen von Perfektionismus: Wer will schon in einem Museum wohnen?
Perfektionismus ist ein verdammt anstrengendes Hobby. Er frisst deine Zeit, deine Energie und deine Spontanität. Was nützt dir das perfekte Leben, wenn du dich darin fühlst wie ein Statist in deinem eigenen Film? Leider schafft Perfektion auch Distanz, weil niemand an die echte Person herankommt. Auch dein Körper meldet sich nicht umsonst mit Nackenverspannungen oder Dauerstress. Er versucht dir zu sagen, dass du mit dem Theater aufhören sollst, weil er mal wieder barfuß durchs hohe Gras laufen will.
Hinter Perfektionismus stehen oft Selbstzweifel und die Angst, nicht gut genug zu sein. Mehr dazu findest du im Beitrag über Selbstzweifel.
Dein Experiment für mehr echte Freiheit
Damit du heute nicht nur liest, sondern auch etwas veränderst, lade ich dich zu einem kleinen Experiment ein. Such dir eine Sache in deinem Alltag aus, die du heute ganz bewusst „nur“ zu 80 Prozent erledigst. Lass die Kaffeetasse auf dem Tisch stehen, wenn du außer Haus gehst. Geh mit der ungebügelten Bluse zum Einkaufen oder schick eine Nachricht ab, ohne sie dreimal auf Tippfehler zu prüfen. Spür mal kurz in dich hinein, was dann passiert. Wahrscheinlich wird die Welt nicht untergehen, und du wirst spüren, wie einfach es sein kann. Das ist der Moment, in dem du aufhörst zu funktionieren und anfängst zu leben.
Selbstliebe lernen und den inneren Druck loslassen
Ein Leben mit Ecken, Kanten und ja, auch mal mit Löwenzahn zwischen den Pflastersteinen, ist tausendmal spannender als eine sterile Hecke. Sich die Erlaubnis zu geben, unperfekt zu sein, erfordert Mut und ist extrem liebenswert. Je mehr du nämlich von dir zeigst, desto mehr gibt es an dir zu lieben. Vielleicht merkst du gerade beim Lesen, wie du innerlich die Schultern sinken lässt. Das ist der Moment, in dem die Fassade erste Risse bekommt. Und das ist gut so! Denn nur durch Risse kommt das Licht hinein und vielleicht auch ein bisschen Humor. Möchtest du regelmäßig solche ehrlichen Impulse in deinem Postfach finden? Dann trag dich in meinen Newsletter ein.
Hast du Lust, das Kostüm der Superfrau gegen ein bisschen mehr echte Freiheit einzutauschen?
Ich lade dich herzlich zu einem Kennenlerngespräch ein. Lass uns gemeinsam schauen, wie du den Perfektionismus ablegen und dein inneres Gartentor für ein bisschen mehr Wildwuchs öffnen kannst. In Liebe (ohne Weichspüler), Eveline