Warum der Einkaufswagen nach links zieht und was er über unser Nervensystem verrät
Letztens stand ich vor dem Supermarkt und schnappte mir einen Einkaufswagen. Wie immer den ersten,
der vorne stand. Viel nachdenken braucht man dabei ja nicht.
Nach wenigen Metern wurde allerdings klar, dass dieser Einkaufswagen und ich völlig unterschiedliche Vorstellungen
davon hatten, wie dieser Einkauf verlaufen sollte. Ich wollte Richtung Obstabteilung gehen, der Einkaufswagen hatte
offensichtlich beschlossen, nach links abzubiegen. Also lenkte ich dagegen. Er zog noch entschlossener nach links.
Ich schob kräftiger, der Einkaufswagen blieb gelassen und nach kurzer Zeit schob ich keinen Einkaufswagen mehr,
sondern hatte einen Machtkampf mit einem Stück Metall auf vier Rädern.
Und das Verrückte daran? Ich wollte gewinnen.
Mitten zwischen Äpfeln, Nudeln und Klopapier musste ich plötzlich über mich selbst lachen.
Da stand ich, eine erwachsene Frau, im stillen Wettkampf mit einem Einkaufswagen.
In diesem Moment kam mir ein Gedanke: Wie oft machen wir das auch mit unserem Leben?
Ein Gespräch läuft anders, als wir es uns wünschen. Der Zug hat Verspätung. Der Computer
entscheidet sich genau dann für ein Update, wenn wir nur kurz etwas nachschauen möchten.
Den Kindern fällt am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, ein, dass sie für morgen noch
etwas für die Schule brauchen. Die Wechseljahre melden sich genau dann, wenn wir sie
gerade überhaupt nicht gebrauchen können. Oder der Körper fühlt sich schon in der Früh
müde an, obwohl der Tag erst begonnen hat.
Und genau in solchen Momenten passiert häufig etwas, ohne dass wir es bewusst
wahrnehmen: Wir beginnen zu kämpfen. Gegen das, was gerade ist.
Bei mir war es in diesem Moment der Einkaufswagen.
Häufig raubt uns nicht die Situation die Energie, sondern der Widerstand
Je länger ich darüber nachdachte, desto spannender wurde es. Der Einkaufswagen kostete
mich kaum Kraft. Mein Widerstand war es, der mich Kraft kostete.
Ich glaube, genau hier liegt ein kleiner, oft übersehener Unterschied. Häufig raubt uns gar
nicht die Situation die Energie, sondern der Widerstand dagegen. Der Wunsch, dass es anders
sein soll, als es gerade ist.
Genau dieser innere Kampf macht etwas mit unserem Körper, unserem Gehirn und unserem
Nervensystem. Der Körper kann erstaunlich schnell in Alarmbereitschaft gehen. Die Muskeln
spannen sich an, der Atem wird flacher und Stresshormone werden ausgeschüttet. Unser Körper
bereitet sich darauf vor, mit einer Gefahr umzugehen, obwohl häufig gar keine echte Gefahr
vorhanden ist.
Aus einer Kleinigkeit kann Schritt für Schritt eine Abwärtsspirale entstehen, die wir oft
gar nicht bewusst wahrnehmen. Verspannungen, innere Unruhe, Erschöpfung oder das Gefühl,
ständig unter Strom zu stehen, können die Folge sein.
Was in unserem Nervensystem passiert, wenn wir loslassen
In meiner Praxis darf ich das immer wieder beobachten. Häufig zeigt sich schon in den
ersten Minuten, wie es einem Nervensystem gerade geht. Die Schultern sind hochgezogen,
der Atem bleibt irgendwo im Brustkorb hängen und die Hände finden keine Ruhe. Noch bevor
das Gespräch stattfindet, erzählt der Körper oft schon seine eigene Geschichte.
Und während ich mit meinen Klientinnen spreche oder auch in der Körperarbeit, verändert sich
häufig etwas ganz Faszinierendes. Die Schultern beginnen langsam loszulassen, der Atem wird
tiefer, die Hände werden wärmer und der Gesichtsausdruck verändert sich. Nicht, weil plötzlich
alle Probleme verschwunden wären, sondern weil das Nervensystem spürt, dass es gerade nichts
gibt, wogegen es kämpfen muss.
Unser Nervensystem versucht ständig, für Sicherheit zu sorgen. Es hält Ausschau nach
Hinweisen, ob gerade Gefahr droht. Diese Fähigkeit ist unglaublich wertvoll, wenn tatsächlich
Gefahr besteht. Im Alltag richtet sich dieser innere Alarm häufig gegen Situationen, die gar
keine wirkliche Bedrohung darstellen. Ein schief fahrender Einkaufswagen, eine lange
Warteschlange, eine unfreundliche Bemerkung oder ein E-Mail reichen manchmal schon aus.
Der Körper unterscheidet erstaunlich wenig zwischen einer echten Gefahr und dem Gefühl,
innerlich gegen etwas anzukämpfen.
Vom Kampfmodus in die Gelassenheit
Es geht dabei gar nicht darum, alles hinzunehmen oder sich etwas schönzureden.
Vielleicht geht es vielmehr darum, wahrzunehmen.
Wogegen kämpfen wir gerade?
Gegen die Situation?
Oder gegen den Wunsch, dass sie anders sein sollte?
Allein diese Frage verändert oft erstaunlich viel.
In dem Moment, in dem wir aufhören, gegen den Stau im Straßenverkehr anzukämpfen, wird er
zwar nicht kürzer, doch er fühlt sich weniger anstrengend an. Einfach weil wir ihn aus
einem anderen Blickwinkel sehen.
Den Einkaufswagen habe ich übrigens bis zum Ende benutzt. Er zog immer noch nach links.
Geändert hatte sich nur eines: Meine Haltung ihm gegenüber.
Vielleicht liegt Gelassenheit gar nicht darin, dass das Leben irgendwann perfekt geradeaus
fährt. Vielleicht beginnt sie genau in dem Moment, in dem wir aufhören, gegen jede Kurve anzukämpfen.
In Liebe,
Eveline
Einladung
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